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POTT und die Welt

Wo einst malocht wurde, erobert sich die Natur langsam rostende Kolosse zurück. Das sind die Motive, die den Zechenbengel magisch anziehen. Der 30-Jährige fotografiert diese verlassenen Orte seit 15 Jahren aus Leidenschaft.

Karlchen Koks ist in Position. Und hat beste Sicht auf alles. Ein letzter prüfender Blick durch den Sucher, ein letztes Mal die genaue Ausrichtung checken, ein tiefer Atemzug und dann: Abdrücken. Jawoll, das perfekte Foto ist im Kasten. Gebannt in Millionen Pixel liegt die Zechenkaue in weiches Licht getaucht.

Die Zeche ist seit Jahren dicht, die Kaue schon längst verlassen und die Natur erobert sich die Mauern langsam zurück, genau wie das Fördergerüst und all die anderen Gebäude auf dem Gelände. Aber genau das ist es, was Karlchen Koks und sein Besitzer suchen.

Der kleine Kokskrümel mit dem weißem Schutzhelm, den großen Augen und dem urigen Grinsen im Gesicht hat seinen Platz als Aufkleber auf dem Kamera-Stativ des „Zechenbengel“ gefunden. Karlchen Koks ist niemand Geringeres als das Maskottchen der Stiftung Industriedenkmalpflege und natürlich immer dabei, wenn der 30-jährige gebürtige Duisburger auf Foto-Safari geht. Der „Zechenbengel“ fotografiert sogenannte „Lost Places“, also verlassene Orte, und hält mit seiner Kamera genau diese Bilder fest. Wo sich die Natur ein riesiges Zechengelände zurückholt, oder wo gigantische Industrieruinen langsam vor sich hinrosten.

Der Zechenbengel in Aktion.

Seinen Künstlernamen hat sich der „Zechenbengel“ selbst gegeben – in der Szene der Fotografen dieser verlassenen Orte ist es üblich, seinen wahren Namen nicht preiszugeben. Der 30-Jährige hält die Bilder dieser Orte schon seit 2005 fest, vor rund 15 Jahren nahm die Leidenschaft am Nordschacht des Bergwerks Osterfeld ihren Anfang. „Ich bin mit meiner ersten kleinen Digitalkamera dort gewesen. Die Bergbaugeschichte hat mich schon als Kind begeistert“, sagt er. Mit seinem Mofa düste er durchs halbe Ruhrgebiet, um seinen Blick auf die Industriekultur der Bergbaugeschichte für immer festzuhalten.

„Ich bewege mich in Industriearealen, da können festes Schuwerk und ein Kopfschutz nicht schaden.“

Zechenbengel

Genau wie seine Bilder hat auch der Fotograf echten Malocher-Stil. Wenn der Hobbyfotograf auf seine Fotoausflüge geht, trägt er Arbeitshose und -jacke, dazu Sicherheitsschuhe und wie es sich für einen echten Zechenbengel gehört, einen echten, weißen Steiger-Schutzhelm aus dem Bergbau. „Ich bewege mich auf Industriearealen, da können festes Schuhwerk und ein Kopfschutz nicht schaden“, sagt er. Denn für das beste Bild nimmt er auch den ein oder anderen nicht ganz ungefährlichen Kletteraufstieg auf Kranbahnen, Gerüste oder Gebäudedächer auf sich. „Von da oben habe ich den besten Überblick. Ich möchte auf meinen Fotos immer einen Gesamteindruck einfangen“, sagt er. Seine Bilder sind deshalb immer von großer Weite, von klaren Linien und natürlich gigantischen Maschinen geprägt.

Echter Malocher-Stil: Arbeitskleidung, Sicherheitsschuhe und weißer Steiger-Schutzhelm.

Fotos mit Überblick

So richtig begann die Fotoreise des Zechenbengel erst, als er den Autoführerschein in der Tasche hatte. Heinrich-Robert in Hamm, Zeche Lohberg in Dinslaken oder Schlägel & Eisen in Herten – es gibt kaum ein Bergwerk im Ruhrgebiet, das der 30-Jährige noch nicht geknipst hat. Inzwischen kann er auch hinter Kraftwerke und andere Gebäude der Schwerindustrie einen Haken machen. „Urban Exploring“ nennen die Kenner diese Art der Fotografie. Unter dem Hashtag „#UrbEx“ finden sich Abertausende Bilder in den sozialen Netzwerken. Die Szene ist riesig. Und damit inzwischen teilweise auch weg von einigen ehemals eisernen Grundregeln. „Ich verändere die Orte nicht, die ich fotografiere. Ich stelle nichts um, ich nehme nichts mit. Ich fotografiere die Szene so, wie ich sie vorfinde“, sagt der Zechenbengel und ergänzt: „Denn vielleicht möchte jemand anders an diesem Ort auch noch einmal fotografieren.“ An solche Grundsätze, sagt er, halten sich aber inzwischen leider viele nicht mehr. Souvenirs werden mitgenommen, oder Erkennungsmerkmale an die Wände gesprüht. Ein Ärgernis. Die Liebe fürs „Urban Exploring“ hat dennoch nicht abgenommen. Im Gegenteil. Es ist viel mehr als ein Hobby für ihn geworden, “ein fester Lebensbestandteil“, wie er sagt.

Dauerhafter Begleiter auf dem Stativ: Karlchen Koks.

Die Ausrüstung ist mitgewachsen

Aus der kleinen Digitalkamera ist längst eine professionelle Fotoausrüstung geworden. Einen Fotokurs hat der Duisburger nie besucht. Das, was er kann, hat er sich selbst beigebracht. „Auch die Nachbearbeitung der Bilder am Computer habe ich mir selbst beigebracht.“ Mehr als 5,5 Terabyte Datenmenge hat er inzwischen zusammenfotografiert, das sind in seinem Fall mehr als 200.000 Bilder von mehr als 500 unterschiedlichen Orten. Und die liegen längst nicht mehr nur im Ruhrgebiet. „Über einen Bekannten aus der Szene bin ich an spannende Plätze in Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden gekommen. Dort gibt es verlassene Schlösser und prunkvolle Villen, die komplett eingerichtet zurückgelassen wurden und langsam verfallen. Das sind skurrile Szenerien von denen man fantastische Fotos machen kann“, sagt er.

Und jeder der mag, kann viele davon bewundern. Denn auf seinem Instagram-Account veröffentlicht er ständig neues Material von seinen Foto-Beutezügen. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn jeden Sonntag ist: Fototag. Dann trifft man den Zechenbengel irgendwo zwischen Rhein und Ruhr auf der Suche nach dem perfekten Motiv. Woran man ihn dann erkennt? An Karlchen Koks, denn der ist immer dabei. Und hat die beste Sicht.

Fotos und Videos

Weitere imposante Bilder vom Zechenbengel gibt es in dieser Fotogalerie. Einfach auf das Bild rechts klicken und genießen!
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